„Darf ich mich überhaupt noch bewegen?“ – diese Frage stellen sich viele Menschen mit einer chronischen Wunde. Die Angst ist verständlich: Bloß nichts verschlimmern, bloß nicht an die Wunde stoßen. Doch die Wahrheit ist: Bewegungsmangel schadet der Wundheilung mehr als moderate Aktivität. Wer sich zu sehr schont, riskiert eine Abwärtsspirale aus Immobilität, schlechter Durchblutung und verzögerter Heilung.
Warum Bewegung die Wundheilung fördert
Der Zusammenhang ist klar: Bewegung bringt das Blut in Schwung – und Blut transportiert Sauerstoff und Nährstoffe zur Wunde. Ohne ausreichende Durchblutung kann der Körper kein neues Gewebe aufbauen.
- Bessere Durchblutung: Schon ein kurzer Spaziergang verbessert die Mikrozirkulation in den Beinen messbar
- Abschwellung: Die Muskelpumpe in den Waden transportiert gestaute Flüssigkeit ab – besonders wichtig bei venösen Wunden
- Stärkeres Immunsystem: Moderate Bewegung aktiviert die Immunabwehr und hilft dem Körper, Infektionen zu bekämpfen
- Bessere Stimmung: Bewegung reduziert Stress und Depressionen – beides verzögert die Wundheilung nachweislich
- Erhalt der Mobilität: Wer sich nicht bewegt, verliert schnell Muskelkraft und Gleichgewicht – und erhöht das Sturzrisiko
Was Sie tun können – nach Wundart
Offenes Bein (Ulcus cruris)
Ja, bewegen! Gerade bei venösen Wunden ist Bewegung entscheidend. Die Wadenmuskulatur wirkt wie eine Pumpe und unterstützt den Blutfluss zurück zum Herzen.
- ✅ Gehen, Spazieren, Walking
- ✅ Fußwippen im Sitzen (Vorfuß heben und senken)
- ✅ Radfahren (auch Ergometer)
- ✅ Schwimmen – nur wenn die Wunde sicher wasserdicht verbunden ist
- ❌ Langes Stehen oder Sitzen mit hängenden Beinen
- ❌ Sauna (Hitze weitet die Venen)
Wichtig: Immer mit Kompressionsversorgung bewegen! Ohne Kompression verpufft der positive Effekt. Spezialisierte Sanitätshäuser wie Lettermann bieten Kompressionsstrümpfe, die auch beim Sport funktionieren.
Diabetischer Fuß
Bewegen ja, aber mit Vorsicht. Die Entlastung der Wunde hat höchste Priorität – gleichzeitig darf der Rest des Körpers nicht einrosten.
- ✅ Oberkörpertraining (Arme, Rumpf) – im Sitzen oder Stehen mit Entlastungsschuh
- ✅ Rollstuhl-Ergometer oder Arm-Ergometer
- ✅ Sitzgymnastik
- ✅ Gehen mit Entlastungsschuh oder Orthese – nach ärztlicher Freigabe
- ❌ Barfuß laufen – niemals!
- ❌ Belastung der Wunde ohne Druckentlastung
Fragen Sie Ihr Behandlungsteam nach einem individuellen Bewegungsplan. Mehr zum diabetischen Fuß.
Dekubitus
Jede Bewegung zählt – auch die kleinste. Bei bettlägerigen Menschen ist jede aktive Positionsveränderung ein Gewinn.
- ✅ Aktive Positionswechsel so oft wie möglich
- ✅ Bettgymnastik: Füße kreisen, Knie anziehen, Arme heben
- ✅ Mobilisation an die Bettkante, in den Rollstuhl – mit Unterstützung
- ✅ Stehübungen am Bettgitter oder Rollator
- ❌ Druck auf die Wunde (Sitzen auf Dekubitus am Gesäß nur mit spezieller Sitzversorgung)
Postoperative Wunden
Frühe Mobilisation ist heute Standard – schon am OP-Tag aufstehen fördert die Heilung und beugt Thrombosen vor.
- ✅ Aufstehen und Gehen – so früh wie vom Arzt erlaubt
- ✅ Leichte Bewegung im schmerzfreien Bereich
- ✅ Atemübungen (besonders nach Bauch-OPs)
- ❌ Schweres Heben (meist 6 Wochen verboten)
- ❌ Ruckartige Bewegungen im Wundbereich
- ❌ Sport ohne ärztliche Freigabe
Sport mit chronischer Wunde – geht das?
In vielen Fällen: ja. Die Intensität muss angepasst werden, aber kompletter Sportverzicht ist selten nötig.
- Wassergymnastik / Aquafitness: Ideal – gelenkschonend, durchblutungsfördernd. Nur mit wasserdichtem Verband und ärztlichem OK.
- Radfahren: Hervorragend für die Beindurchblutung ohne Stoßbelastung.
- Nordic Walking: Ganzkörperbewegung mit kontrolliertem Tempo.
- Yoga / Tai Chi: Sanfte Bewegung plus Stressreduktion – doppelt gut für die Heilung.
- Krafttraining: Möglich mit Anpassungen. Wundbereich aussparen, keine Pressatmung.
Physiotherapeuten können einen individuellen Trainingsplan erstellen, der die Wunde berücksichtigt. Physiotherapie-Praxen wie LettsFit kennen sich mit der Kombination aus Wundversorgung und Bewegungstherapie aus.
Praktische Tipps
- Verband vorher prüfen: Sitzt er fest? Hält er bei Bewegung? Nicht scheuern lassen.
- Schuhe kontrollieren: Gut sitzende Schuhe – keine Druckstellen, keine Reibung.
- Langsam steigern: Nicht von Null auf Hundert. Lieber täglich 15 Minuten als einmal pro Woche eine Stunde.
- Schmerzen ernst nehmen: Leichtes Ziehen ist okay, Schmerzen sind ein Stoppsignal.
- Nach der Bewegung: Beine hochlegen, Wunde kontrollieren, bei Bedarf Verband wechseln.
Wann nicht bewegen?
In wenigen Situationen ist Ruhe tatsächlich angesagt:
- Akute Infektion mit Fieber – der Körper braucht Ruhe zur Infektbekämpfung
- Frische OP-Wunde – erste 24–48 Stunden nach ärztlicher Anweisung
- Akute Blutung aus der Wunde
- Ärztliche Anweisung zur Ruhigstellung (z. B. nach Hauttransplantation)
Im Zweifel fragen Sie Ihr Behandlungsteam im Wundzentrum – dort kann ein individueller Bewegungsplan erstellt werden, der Ihre Wundsituation berücksichtigt.
Fragen zur Bewegung mit Ihrer Wunde? WundSTARK – ICW-zertifizierte Wundzentren in Viersen und Mönchengladbach beraten Sie individuell.

Schreibe einen Kommentar