Es juckt – und Sie dürfen nicht kratzen. Kaum ein Symptom ist so quälend wie Juckreiz rund um eine chronische Wunde. Fast jeder zweite Patient mit einer chronischen Wunde kennt das Problem. Trotzdem wird Juckreiz in der Wundversorgung oft übergangen – er gilt als Nebensache. Dabei kann unkontrolliertes Kratzen die Heilung massiv stören und neue Wunden verursachen.

Warum jucken chronische Wunden?

Juckreiz (medizinisch: Pruritus) rund um chronische Wunden hat mehrere Ursachen – oft treten sie gleichzeitig auf:

Heilungsjuckreiz

Tatsächlich kann Juckreiz ein gutes Zeichen sein: Wenn neue Hautzellen wachsen und sich Nervenenden regenerieren, juckt es. Diesen Heilungsjuckreiz kennt jeder von Schürfwunden aus der Kindheit. Bei chronischen Wunden kann er allerdings über Wochen anhalten und extrem belastend werden.

Trockene Haut (Xerose)

Die Haut rund um chronische Wunden ist fast immer zu trocken. Ursachen: Alter, Venenschwäche, häufige Verbandwechsel und Reinigungsmittel entfetten die Haut. Trockene Haut juckt – ein Teufelskreis, denn Kratzen schädigt die Haut weiter.

Kontaktallergien und Unverträglichkeiten

Viele Wundpatienten entwickeln im Laufe der Zeit Allergien gegen Bestandteile von Wundauflagen, Pflastern, Salben oder Desinfektionsmitteln. Typische Auslöser: Kolophonium (in Pflastern), Perubalsam, Wollwachs (Lanolin) und bestimmte Konservierungsstoffe. Eine Kontaktallergie zeigt sich durch Rötung, Bläschen und starken Juckreiz – genau dort, wo das Material aufliegt.

Stauungsekzem

Bei Patienten mit Venenschwäche und offenem Bein ist das Stauungsekzem besonders häufig. Die gestaute Flüssigkeit im Gewebe reizt die Haut, sie wird rot, schuppig und juckt intensiv. Das Ekzem kann sich über den gesamten Unterschenkel ausbreiten.

Infektionen

Auch eine Wundinfektion – besonders eine Pilzinfektion – kann starken Juckreiz verursachen. Pilze fühlen sich in feuchten, warmen Wundumgebungen besonders wohl.

Warum Kratzen so gefährlich ist

Der Impuls zu kratzen ist überwältigend – aber die Folgen können gravierend sein:

  • Neue Verletzungen: Besonders bei dünner Altershaut reicht leichtes Kratzen, um neue Wunden zu verursachen
  • Infektionsgefahr: Unter den Fingernägeln sitzen Bakterien, die in die aufgekratzte Haut eindringen
  • Vergrößerung der Wunde: Die Wundränder werden durch Kratzen geschädigt – die Wunde wächst statt zu heilen
  • Verbandsablösung: Kratzen löst Pflaster und Verbände – die Wunde liegt ungeschützt
  • Juck-Kratz-Spirale: Kratzen lindert kurz, verstärkt den Juckreiz dann aber – ein Teufelskreis

Was hilft gegen den Juckreiz?

Hautpflege – die Basis

  • Regelmäßig eincremen: Die Haut um die Wunde (nicht in die Wunde!) mindestens zweimal täglich mit einer feuchtigkeitsspendenden, parfümfreien Lotion pflegen
  • Harnstoff (Urea): Cremes mit 5–10% Urea binden Feuchtigkeit und lindern Juckreiz nachweislich
  • Keine aggressiven Seifen: pH-neutrale, rückfettende Waschlotion verwenden
  • Nicht zu heiß waschen: Heißes Wasser trocknet die Haut zusätzlich aus

Kühlung

  • Feuchte, kühle Umschläge auf die juckende Haut (nicht auf die offene Wunde)
  • Menthol-haltige Lotionen (1–2%) erzeugen ein kühlendes Gefühl, das den Juckreiz überlagert
  • Kühlpack im Tuch – kurz auflegen, nie direkt auf die Haut

Verbandmaterial überprüfen

  • Allergietest: Bei Verdacht auf Kontaktallergie einen Epikutantest beim Hautarzt machen lassen
  • Silikonbasierte Fixierung: Statt herkömmlicher Pflaster silikonbeschichtete Verbände verwenden – deutlich hautschonender. Spezialisierte Sanitätshäuser wie Lettermann beraten bei der Auswahl hautfreundlicher Fixierungsmaterialien
  • Pflasterfreie Fixierung: Schlauchverbände oder Netzhosen statt Klebepflaster

Medikamentöse Hilfe

  • Antihistaminika: Juckreizstillende Tabletten (z. B. Cetirizin), besonders hilfreich abends zum Einschlafen
  • Kortison-Creme: Kurzfristig auf die juckende Haut um die Wunde (nach ärztlicher Anweisung, nicht auf die Wunde selbst)
  • Polidocanol-Lotionen: Betäuben die Hautnerven leicht und lindern den Juckreiz

Ablenkung und Verhaltenstipps

  • Drücken statt kratzen: Die juckende Stelle mit der flachen Hand fest drücken – lindert, ohne zu verletzen
  • Klopfen: Leichtes Klopfen mit den Fingerspitzen aktiviert andere Nerven und überlagert den Juckreiz
  • Fingernägel kurz halten: Reduziert die Schäden bei unbewusstem Kratzen (besonders nachts)
  • Baumwollhandschuhe nachts: Schützen vor unbewusstem Kratzen im Schlaf
  • Ablenkung: Beschäftigung mit den Händen (Handarbeit, Stressball) reduziert den Kratz-Impuls

Wann zum Arzt?

Suchen Sie ärztliche Hilfe, wenn: der Juckreiz trotz Pflege nicht nachlässt, Sie eine allergische Reaktion vermuten (Rötung, Bläschen im Pflasterbereich), der Juckreiz Sie am Schlafen hindert oder Sie sich aufgekratzt haben und eine neue Wunde entstanden ist.

In einem spezialisierten Wundzentrum kann die Ursache abgeklärt und die Wundversorgung angepasst werden – oft reicht ein Materialwechsel, um den Juckreiz deutlich zu reduzieren.


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